Platin oder Gold 2026: Warum das vergessene Edelmetall die Aufholjagd gewinnt

Die Edelmetallmärkte erleben derzeit einen beispiellosen Aufschwung. Gold markierte Ende Januar 2026 ein neues Allzeithoch von über 5.500 USD pro Feinunze, während Platin im gleichen Zeitraum mit einem Anstieg von über 200 % die Schlagzeilen dominiert. Doch während Gold seit Jahren kontinuierlich glänzt, fristet Platin sein Dasein oft im Schatten – zu Unrecht, wie die jüngsten Marktbewegungen zeigen. Die Frage stellt sich für Investoren zunehmend: Ist Platin die bessere Wahl oder bleibt Gold das sichere Investment?

Die überraschende Aufholjagd: Platin holt Gold ein

Für fast ein Jahrhundert war Platin das Edelmetall der Könige. 1924 notierte der Platinpreis beim Sechsfachen des Goldpreises. Diese Hierarchie hielt lange an, bis sich die Verhältnisse dramatisch verschoben. Das vergangene Jahrzehnt erzählt eine Geschichte von Divergenz: Während Gold kontinuierlich neue Rekorde aufstellte und sich zwischen 2016 und 2026 um 331 % verteuerte, dümpelte Platin seitwärts vor sich hin.

Der Wendepunkt kam Mitte 2025. Platin durchbrach die lange Handelsspanne von rund 1.000 USD – eine Barriere, die seit 2015 wie festbetoniert schien. Die Kursrallye war explosiv: Von unter 900 USD zu Jahresbeginn 2025 katapultierte sich der Platinpreis bis Januar 2026 auf fast 2.925 USD. Das entsprach einem Aufschlag von über 200 % in weniger als acht Monaten.

Doch auch diese Rally zeigte die eigentliche Schwäche des Marktes: extreme Volatilität. Ein heftiger Rückgang in den Tagen nach dem Höchststand brachte Platin um 35 % nach unten – eine Bewegung, die Gold in diesem Ausmaß selten erlebt. Der Grund liegt in der Marktstruktur: Mit nur rund 73.500 offenen NYMEX-Kontrakten (Gegenwert: etwa 8,3 Milliarden USD) ist der Platinmarkt eine Leichtgewicht-Arena im Vergleich zu Gold mit über 200 Milliarden USD Volumen. Diese geringe Liquidität verstärkt jede Bewegung um ein Vielfaches.

Warum Platin lange verloren hatte

Die Antwort liegt in der Industrie. Während Gold primär ein Spekulationsobjekt und Inflationsschutz ist, lebt Platin von der wirtschaftlichen Realität. Der stärkste Nachfragetreiber war über Jahrzehnte die Automobilindustrie – genauer: der Dieselmotor. Mit dem weltweiten Dieseldesaster (Abgaskandal 2015 und nachfolgenden Regelungen) kollabierte die Nachfrage nach Dieselkatalysatoren, in denen Platin seine Hauptanwendung fand.

Diese strukturelle Schwäche sollte sich bis Mitte 2025 fortsetzen. Doch genau diese Zeit markierte den Beginn einer fundamentalen Umkehr. Die Gründe sind vielfältig:

Angebotsschock aus Südafrika: Die Mine in Südafrika produziert etwa 70-80 % des weltweiten Platins. Stromlücken, Unterinvestitionen und technische Ausfallzeiten führten 2025 zu einem 5%igen Produktionsrückgang – den niedrigsten Stand in fünf Jahren.

Strukturelles Defizit: 2025 war das dritte aufeinanderfolgende Jahr mit Angebotsdefizit. Die World Platinum Investment Council (WPIC) dokumentierte ein Defizit von etwa 692.000 Unzen – physische Knappheit im wahrsten Sinne.

Der Wasserstoff-Wildcard: Brennstoffzellen und grüne Wasserstoff-Elektrolyse sind nicht mehr Science-Fiction. Die WPIC rechnet mit einem zusätzlichen Platinbedarf von 875.000 bis 900.000 Unzen bis 2030 durch diese Technologien. Das Investitionskapital floss massiv in diese Hoffnung.

Geopolitische Prämie: US-Zollkonflikte, Handelsspannungen und die Iran-Krise trieben Anleger in sichere Häfen. Platin, trotz Illiquidität, profitierte von diesem Flight-to-Safety-Effekt.

Platin oder Gold: Die Fundamentalen sprechen eine klare Sprache

Hier offenbart sich ein paradoxes Phänomen: Platin ist rarer als Gold. Und doch handelt es 2026 mit einem Abschlag von über 2.700 USD je Feinunze – dem größten absoluten Spread in der Marktgeschichte. Gold kostet etwa 2,4-mal mehr pro Unze, obwohl es häufiger ist.

Für viele Analysten ist Platin damit strukturell unterbewertet. Die Bank of America Securities prognostiziert für 2026 einen Kurs von 2.450 USD, was auf weiteres Aufholpotential hindeutet. Heraeus Precious Metals dagegen warnt vor einer Konsolidierung im Bereich 1.300-1.800 USD. Die Commerzbank erwartet 1.800 USD.

Diese Bandbreite illustriert die Unsicherheit präzise. Die WPIC erwartet für 2026 ein nahezu ausgeglichenes Marktgleichgewicht mit nur 20.000 Unzen Überschuss – ein dramatischer Rückgang vom 692.000-Unzen-Defizit 2025. Diese Normalisierung könnte Aufwärtsrisiken begrenzen, möglicherweise aber auch Bodenbildung unterstützen.

Marktdynamiken, die Investoren beachten sollten

Die Rolle der Federal Reserve: Signale von Fed-Gouverneurin Lisa Cook und die Nominierung von Kevin Warsh als potentieller nächster Fed-Vorsitzender deuten auf ein langsameres Tempo bei Zinssenkungen hin. Ein höherer Zinsumfeld schadet typischerweise Rohstoffen.

Der US-Dollar-Faktor: Der schwache Dollar trug erheblich zur Platin-Rally bei. Stärkt sich der Dollar, wird Platin für ausländische Käufer teurer – Abwärtsdruck folgt.

Substitutionsgefahr: Bei Preisen über 2.000 USD pro Unze könnten Autokatalysator-Hersteller zunehmend zu Palladium ausweichen. Das würde die Industrinachfrage kappen.

Lease-Raten als Indikator: Diese Zinssätze für die Kreditaufnahme von physischem Platin verharren auf historisch hohen Niveaus – ein Signal für Knappheit, aber auch für steigende Finanzierungskosten.

Investitionsszenarien: Welche Strategie passt?

Für aktive Trader: Platin bietet durch seine Volatilität attraktive Einstiegspunkte. Eine einfache Trendfolgestrategie mit gleitenden Durchschnitten (10-er und 30-er Period) kann bei diszipliniertem Risikomanagement profitabel sein. Maximal 1-2 % des Gesamtkapitals pro Trade, Stop-Loss auf 2 % unter dem Einstieg – diese Regeln minimieren Kapitalverluste bei der hohen Volatilität.

Für Langfristanleger: Platin als Beimischung von 5-10 % im Portfolio kann als Diversifikator dienen. Die eigene Angebots-Nachfrage-Dynamik korreliert teilweise negativ mit Aktien, was Hedging-Eigenschaften bietet. Platin-ETCs, physische Münzen oder Aktien von Bergbauunternehmen sind geeignete Vehikel.

Für konservative Anleger: Gold bleibt die sicherere Wahl. Die höhere Liquidität, die stärkere institutionelle Nachfrage und die längere Erfolgsgeschichte als Wertspeicher sprechen dafür. Die Volatilität von Platin ist ein Risikofaktor, den nicht jeder tragen möchte.

Die langfristige Perspektive: Nach 2026

Die WPIC prognostiziert nach dem Ausgleichsjahr 2026 eine Rückkehr zu Defizitphasen bis mindestens 2029. Dies könnte langfristig zu deutlich höheren Platinpreisen führen, besonders wenn die Wasserstoffwirtschaft an Fahrt gewinnt. Unter diesem Szenario könnte Platin Gold tatsächlich mittelfristig den Rang ablaufen.

Allerdings bleibt ein entscheidender Risikofaktor: die Marktstruktur. Die geringe Liquidität macht Platin anfällig für manipulative Bewegungen und Gaprisiken. Massive Abflüsse aus Platin-ETFs oder unerwartete Konjunkturschocks könnten schnelle Korrektionen auslösen.

Fazit: Platin oder Gold – eine Frage des Anlegertyps

Die historische Aufholjagd von Platin gegenüber Gold ist beeindruckend. Doch sie spricht weniger für eine grundsätzliche Überlegenheit als vielmehr für einen extremen Bewertungsmangel, der sich graduell korrigiert. Platin oder Gold – die Antwort hängt vom individuellen Risikoprofil ab. Wer volatilität scheut und Stabilität sucht, bleibt bei Gold. Wer bereit ist, höhere Schwankungen zu tragen und an langfristige Industrienachfrage glaubt, findet in Platin eine spannende Alternative. Die ideale Lösung für viele Anleger dürfte jedoch eine ausgewogene Beimischung beider Edelmetalle sein – ein diversifiziertes Portfolio, das die Stärken von Platin und Gold kombiniert.

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